Der strenge COV 19-Hausarrest ist zum Glück seit einigen Wochen vorbei, aber Bücher, die wir schon seit längerer Zeit lesen wollten, gibt es noch genug! Diesmal haben wir ein Buch von Hermynia zur Mühlen aus dem Regal geholt und zwar „Unsere Töchter, die Nazinen“.

Hermynia zur Mühlen wurde 1883 in eine Diplomatenfamilie hineingeboren, die dem österreichisch-ungarischen Hochadel entstammte. Sie erlernte mehrere Sprachen, absolvierte eine Ausbildung zur Volksschullehrerin und arbeitete in einer Buchdruckerei. Von ihrem ersten Ehemann, einem Großgrundbesitzer im Baltikum, ließ sie sich 1920 scheiden.

Zur Mühlen war ein kritischer Geist und entsetzt über die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. So war ihr beispielsweise die Besitzlosigkeit der einheimischen Landbevölkerung im Baltikum ein Dorn im Auge und sie schloss sich der kommunistischen Bewegung an. Zeit ihres Lebens haderte sie mit der Ungerechtigkeit der Verteilung des Reichtums in der Welt. Schließlich entschloss sie sich, ihre Privilegien zurückzulassen und als freie Schriftstellerin, Publizistin und Übersetzerin zu arbeiten. Mit dem Journalisten Stefan Klein, ihrem späteren zweiten Ehemann, lebte sie in Deutschland, wo sie zahlreiche Essays in der kommunistischen und sozialdemokratischen Presse veröffentlichte. So kam sie zu ihrem Spitznamen die „rote Gräfin“. Sie schrieb außerdem Romane und Erzählungen sowie Kinder- und Jugendbücher.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, zog Hermynia zur Mühlen 1933 zuerst nach Wien zurück. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 ging es über Bratislava ins Exil nach England, wo Zur Mühlen schließlich 1951 starb.

Hermynia zur Mühlen erkannte schon früh die Gefahren von Faschismus und Nationalsozialismus. Ihr Roman „Unsere Töchter, die Nazinen“ erschien 1934 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Deutsche Freiheit.

Sie beschreibt darin in klarer, unmissverständlicher Sprache Episoden rund um die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. In einem Ort am Bodensee erliegen drei junge Mädchen den Verführungen des Faschismus. Die Hintergründe dafür erfahren wir aus Erzählungen ihrer Mütter, die ganz unterschiedlichen Milieus entstammen: Adel, Bürgertum und Arbeiterklasse. Spannend ist, wie die Leben der Mütter und Töchter untereinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen. Alle Taten, aber auch Unterlassungen haben tiefgreifende Folgen für die Akteurinnen.

Zur Mühlen gelingt anhand der Schilderung der unterschiedlichen Lebensrealitäten der Frauen ein sehr lebendiges Bild der Zeit der ausgehenden Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Mitläufer*innen, Überzeugungstäter*innen, Opportunist*innen – aber auch inmitten der Schreckensherrschaft ist Mitmenschlichkeit möglich. Eine starke und schonungslose Geschichte, die sich auch in die heutigen Verhältnisse mit ihren totalitären und populistischen Strömungen übersetzen lässt.

„Unsere Töchter, die Nazinen“ ist aktuell in der 4-bändigen Werkausgabe zu Hermynia zur Mühlen enthalten, die 2019 im Zsolnay Verlag erschienen ist. Empfehlenswert ist auch das Buch „Fahrt ins Licht“, das 66 Erzählungen der beinahe vergessenen Schriftstellerin enthält.

Hermynia zur Mühlen
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Hermynia zur Mühlen
Fahrt ins Licht – Sechsundsechzig Stationen
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